19. September 2017

Vor zwei Wochen bebte die Erde in Mexiko. Sie bebte so heftig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Brutal, regelrecht gewalttätig war die Erde gegenüber Menschen, Gebäuden, allem, was ihr in die Quere kam. Mehr als 350 Menschen starben, davon allein rund 220 in der Hauptstadt. Die Richterskala zeigte 7,1 an, aber die Wucht, mit der das Beben Mexiko-Stadt erreichte, war stärker als beim letzten schweren Beben, 1985, weil das Epizentrum so viel näherlag; keine 400, sondern 120 Kilometer entfernt. 38 Gebäude stürzten in sich zusammen, mehr als 3000 sind beschädigt, eine ganze Reihe so stark, dass sie abgerissen werden müssen.

Das Datum 19. September wird für immer im Gedächtnis der Mexikaner bleiben: Denn bisher erinnerte man sich an dem Tag an das Beben von 1985, bei dem die Hauptstadt in bestimmten Stadtteile total verwüstet wurde: Rund 13.000 Menschen starben damals. Es war die schlimmste Katastrophe der jüngeren Geschichte Mexikos. Und genau an dem Tag, 32 Jahre später, erhebt sich die Erde erneut. Noch um 11 Uhr an dem Morgen hatten Zehntausende in der Hauptstadt den Ernstfall geprobt. Um 13:14 dann, zwei Stunden später, trat dieser ein.

Die Stadt ist immer noch überzogen von Schock, von Trauer, von Angst; zumindest in den betroffenen Zonen. Das moderne Mexiko-Stadt fand seinen Ursprung auf einem von den spanischen Eroberern trockengelegten See; mittlerweile ist die Megalopolis weit darüber hinausgewachsen. Aber wo früher See war, ist der Untergrund auch 500 Jahre später immer noch deutlich weicher als an anderen Orten – und verstärkt die Schwingungen bei Erdbeben teilweise bis zu 50fach. Im Westen und Südwesten der Stadt konnte man am Wochenende nach dem Beben denken, dass nichts passiert war: Menschen in Shopping-Malls, in Restaurants, im Supermarkt. Aber in der Condesa, Roma, Del Valle, Narvarte, Xochimilco – also Gegenden, die stark betroffen sind – waren Strassen gesperrt, halfen Soldaten und Tausende Freiwillige, unter Trümmern Überlebende zu finden, transportierten Menschenketten Schutt in Plastikeimern. Es gab eine Welle der Hilfsbereitschaft, die mindestens so besonders war wie das Beben.

Zwei Wochen nach dem Beben, sind auch wir noch in Schock, in Trauer, und in Angst. Unsere Wohnung und unser Gebäude haben nicht geringen Schaden genommen: Es lässt sich angeblich alles reparieren, aber die Bauarbeiten werden Monate dauern. Wir gehören also zu den Tausenden, die ihr Heim temporär verloren haben. Meine Söhne sitzen zu Hause (meine Schwiegermutter beherbergt uns gerade), weil ihre Schule immer noch nicht die Erlaubnis des Bildungsministeriums hat, um mit dem Unterricht zu beginnen. Das Schulgebäude ist in Ordnung, aber die Gegend um die Schule hat einfach enorm gelitten. Auch wir befinden uns noch im Ausnahmezustand, wie die Stadt, die unser Zuhause ist. Uns überkommt Traurigkeit, immer mal wieder, auch, wenn wir wissen, dass wir Glück im Unglück gehabt haben. Aber so nah ist das Unglück noch nie an uns herangekommen.

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