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3 Monate…

…ist es her, dass das brutalste Erdbeben seit mehr als 30 Jahren Mexiko-Stadt durchschüttelte: 228 Menschen starben. 38 Gebäude stürzten ein, mehr als 15.000 erlitten Schäden. Drei Wochen nach dem Beben machte ich ein Foto von einem der eingestürzten Appartment-Häuser in unserer Gegend – ich fand es damals unverständlich und leicht verstörend, dass die Trümmer immer noch nicht weggeräumt waren, dass die Ruine des Gebäudes da noch immer an dieser vielbefahrenen Strasse stand, mitten in einem extrem dicht besiedelten Wohngebiet.

Die Ruine an der Ecke Gabriel Mancera und Escocia steht auch heute noch dort, unverändert. Nur mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.

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Denn in den vergangenen Monaten war ich so häufig ungläubig der Dinge, die hier geschehen. Die Bundesregierung von Präsident Enrique Peña Nieto und der Bürgermeister von Mexiko-Stadt, Miguel Angel Mancera, preisen die Erfolge des Wiederaufbaus: Melden x Millionen Pesos, die an die Opfer als Unterstützung gegeben; y Essen, die in Notunterkünften bereitgestellt; z Schulen, die wiedereröffnet wurden. Von den mehr als 1000 Gebäuden, die schwere Schäden in der Statik haben, wurden gerade mal 329 vom Institut für Bausicherheit untersucht; 102 davon sollen abgerissen werden, aber bisher wurde das bei nur fünf erledigt. Und das, drei Monate nach dem 19. September 2017.

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Viele Opfer befinden sich immer noch im bürokratischen Limbo. Typisches Beispiel: Strasse Zapata 252, im Bezirk Benito Juárez, wo auch wir wohnen. Ein Wohnkomplex, gebaut 1983, also vor dem letzten schweren Beben 1985. Drei Türme, sechsstöckig, mit Apartments, insgesamt 116 Familien lebten vor dem Beben dort. Das Gebäude wurde so stark beschädigt, dass es direkt nach dem Beben zwangsevakuiert wurde. Die Bewohner mussten bei Familienmitgliedern, Freunden oder in einer der Not-Herbergen unterkommen; bis heute. Denn es folgten diverse Untersuchungen mit unterschiedlichen, häufig widersprüchlichen Ergebnissen: Abrissreif! Oder nein, doch nicht, es kann repariert werden. Aktuell werden tiefergehende Studien gemacht, die nicht günstig sind. Falls diese ergeben, dass man das Gebäude retten kann, kommen erst die tatsächlichen Reparaturkosten auf die Bewohner zu. Kaum einer war versichert; die Quote für Gebäudeversicherung gegen Erdbeben lag vor dem 19. September bei weniger als 5 Prozent.

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Ich bin nach dem Beben zu diversen Ämtern gegangen, hab’ unterschiedliche Hilfscenter besucht. Es wurde uns folgende Unterstützung angeboten: Mietzuschuss von 3000 Pesos (grob 150 Euro) für drei Monate; eventuelle Reparatur durch eine der “Brigaden” der Stadt, wobei total unklar war, wie und wo man die beantragt; und schliesslich ein Kredit von bis zu 2 Millionen Pesos (100.000 Euro) zu einem Zinssatz von 9 Prozent, über 20 Jahre, bei dem nur der Zins gezahlt werden muss, die Tilgung wird einem erlassen. Das heisst aber, dass die Person über die 20 Jahre insgesamt 3,6 Millionen Pesos zurückzahlt. Vielen geht es so wie den Bewohnern des Apartmenthauses in der Strasse San Francisco 608, die ihren Ärger öffentlich gemacht haben: Bisher hilft uns keiner!

Unser Bezirksbürgermeister, Christian von Roehrich, hat vorgeschlagen, auf den Grundstücken der Gebäude, die eingestürzt sind oder abgerissen werden müssen, vom Privatsektor Neubauten hinsetzen zu lassen, die aber 35 Prozent mehr Wohnraum schaffen, als das Haus, das dort vorher stand. Die Wohnungen sollen dann, angeblich kostenfrei, an die Opfer gehen; das Bauunternehmen finanziert sich mit dem zusätzlichen Wohnraum, den es verkaufen kann. Der Plan kam nicht ganz so gut an, weil in unserem Bezirk soundso schon so viel gebaut wird, dass die Infrastruktur Probleme hat, Schritt zu halten (Verkehr, Wasser- und Abwasserversorgung, Grünflächen, etc.). Fakt ist, dass die Menschen in bestimmten Bezirken in Mexiko-Stadt einfach relativ gesehen zu wohlhabend sind, als dass ihnen die Regierung helfen wird, denn es gibt Zehntausende, die viel, viel schlechter dran sind, an die die Mittel erstmal gehen.

Heute hat Bürgermeister Mancera im Norden der Stadt 680 Personen ein neues Zuhause überreicht. Diese Menschen lebten noch immer in einem Camp, Opfer des Erdbebens von 1985. Über Twitter schickte MAM, Spitzname Manceras, Bilder in die Welt, auf denen er freudestrahlende Menschen drückt und Hände schüttelt. “Die Stadtregierung arbeitet daran, dass Menschen nicht in provisorischen Unterkünften leben müssen.”, textete er dazu. Man fragt sich, ob MAM sich der Ironie seiner Worte bewusst ist. Ein solcher Satz, nachdem diese Menschen 32 Jahre kein richtiges Zuhause hatten? Warum um alles in der Welt hat das so lange gedauert?

3 Wochen, 3 Monate, 32 Jahre. Zeit wird in Mexiko anders gemessen, zumindest, wenn Bürokratie mit ins Spiel kommt. Der grosse Wiederaufbau-Plan, der diesen Monat erlassen werden sollte, kommt jetzt wohl erst im Januar – die Weihnachtsferien sind leider dazwischen gekommen. Ich wünsche allen Opfern des Bebens vom 19-S, dass ihre Nöte von den Verantwortlichen ernst genommen werden! Das wäre das beste Weihnachtsgeschenk für diese verletzte Stadt.