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Der Chronist der Winde

Am Montag dieser Woche starb der schwedische Autor Henning Mankell. An genau dem Tag sprachen wir in unserem deutschsprachigen Literaturkreis in Mexiko-Stadt über sein Buch “Der Chronist der Winde”.

In dem Roman, 1995 erschienen, erzählt Mankell die Geschichte vom Straßenkind Nelio, zehn Jahre alt: Sein Dorf wurde von Banditen brutal überfallen, seine Schwester barbarisch ermordet, der Junge von seinen Eltern getrennt. Von Heimat und Familie beraubt, flieht Nelio in die Stadt – angelehnt an Mosambiks Hauptstadt Maputo – und kämpft dort jeden Tag ums blanke Überleben. Er schließt sich einer Gruppe von Straßenkindern an und wird schließlich deren Anführer. Durch seine besondere Art schafft er es, dass die Jungen kleine Dinge tun, die sie aus ihrer Unsichtbarkeit heraustreten lassen. Er regt sie an, Träume zu haben. Gemeinsam erfüllen sie den Wunsch des einen, und den Traum des anderen. Dabei wird Nelio angeschossen, und stirbt neun Tage später an seinen Wunden. In den Nächten bis zu seinem Tod erzählt er seine Lebensgeschichte einem Bäcker, den die Begegnung mit dem weisen Jungen schwer beeindruckt.

Kurz vor seinem Tod sagt Nelio zu José Antonio Maria Vaz, dem Bäcker:

“Mein Vater war ein sehr kluger Mann. Er lehrte mich, zu den Sternen aufzuschauen, wenn das Leben schwer war. Wenn ich den Blick dann wieder auf die Erde senkte, war das, was eben noch übermächtig war, auf einmal klein und einfach.”

Mankell starb im Alter von 67 Jahren an Krebs. 1973 reiste der Schwede zum ersten Mal nach Afrika; seitdem lebte er abwechselnd in Maputo und in Stockholm. Der Autor, weltbekannt durch seine Kriminalromane, setzte sich für den Kontinent Afrika und seine Menschen in Armut, Not und Verfolgung ein. Der “Chronist der Winde” ist ein beeindruckender Roman. Der Junge Nelio macht mit seinem Blick zu den Sternen allen Leidenden Mut – heute genauso wie vor 20 Jahren, als Mankell ihn für uns erschuf.